28. Juli 2019

von Alexandra Lux

Lernt man auf einer Montessori Schule etwas?

Interview mit einem Montessori-Schüler, der seinen Quali
erfolgreich absolviert hat

Immer wieder bin ich mit Aussagen konfrontiert, dass Montessori-Pädaogik ja im Vorschulberich ganz nett wäre, aber die Kuschelpädagogik in der Schule nichts zu suchen hätte, denn das Leben sei nun einmal anders.

Wer mich kennt, weiß, dass ich das so nicht stehen lassen kann. Montessori hat nichts mit kuscheln zu tun und ist sehr wohl das Leben. Für mich sogar mehr als das Regelschulsystem. Denn Leben bedeutet für mich Freiheit und nicht vorgegebene Anpassung.

Ich habe einen Montessori-Schüler interviewt, der gerade erfolgreich seinen Quali abgelegt hat:

War es schwierig für dich, die Prüfungen jetzt zu schreiben, obwohl du 9 Jahre keine Noten hattest?

Nein, gar nicht. Wir waren ja gut vorbereitet auf die Prüfungen. Wir hatten alte Quali-Prüfungen, die wir auch auf Zeit schrieben. Wir, sowie unsere Lehrerin korrigierten die Aufgaben, gaben natürlich auch die Punkte und besprachen unsere Korrekturen, sowie unsere Schwachpunkte und Verbesserungspotenziale. Somit hatten wir da eigentlich schon Noten. Ich konnte mich dadurch gut einschätzen, wie ich mit der Zeit umgehen kann und welche Aufgaben mehr Punkte bringen, falls ich nicht alles schaffen kann.

Die Noten vorher fehlten mir auch nicht, denn ich habe ja auf meine Arbeiten immer Rückmeldung bekommen, was ich kann und worauf ich noch achten muss. Das motivierte mich, es noch einmal zu üben, dass ich es dann besser kann. Das sahen Mitschüler aber auch mal anders und ließen es so. Es braucht also schon eine Portion Selbstdisziplin. 

Fühltest du dich durch die Schule gut auf die externen Prüfungen vorbereitet?

Ja, durch die Probe-Qualis auf jeden Fall. Denn wenn ich weiß, dass ich meinen Stoff kann, dann kann ich ihn auch in einer anderen Umgebung wieder geben. Das ist vielleicht nicht bei allen Schülern so, aber auch dann hilft es, wenn ich weiß, was auf mich zukommt. In der Freiarbeit konnten wir mit den Quali-Trainer-Büchern arbeiten. Was wir nicht konnten, konnten wir jederzeit bei den Lehrern noch mal erfragen. Ich fand gut, dass wir das in unserem Tempo und nach unseren Schwer- bzw. Schwachpunkten erledigen konnten. Diese Struktur hat mir sehr gut geholfen, sicher zu werden, was ich kann und was auf mich zukommt.

Was hast du dazu beigetragen, denn die Freiarbeit kann man ja schon verschieden nutzen?

Ich hatte ein Ziel: ich will den Quali schaffen und wusste, dass ich dafür auch etwas tun muss. Ja, meine Selbstdisziplin hat mir sehr geholfen. Ich dachte mir bei unbequemen Themen immer, das mach ich jetzt, dann hab ichs weg. Dann kann ich wieder etwas machen, was mir mehr Spaß macht. Hat man keine oder weniger Selbstdisziplin, kann man die Freiarbeit schon auch sehr lässig angehen und die Zeit „anderweitig“ nutzen. Ich wusste aber, dass mir das ja nichts bringt. Es war nicht immer einfach. Ich bin da aber wohl sehr überlegt ran gegangen. Denn wenn ich es jetzt nicht mache, muss ich es evtl. irgendwann unter Zeitdruck machen, das ist ja auch nicht besser.

Wir hatten in der Woche ca. 20 Stunden Freiarbeit, damit kam ich sehr gut zurecht. So musste ich für den Quali zu Hause kaum lernen. Gerade mal für Reli hab ich noch gelernt und in den Oster- und Pfingstferien hatte ich von der Englischlehrerin extra Übungsblätter mit nach Hause genommen. Das war aber freiwillig.

Was sollten Schüler einer Montessori-Schule unbedingt beachten?

Selbstdisziplin ist schon sehr wichtig, denn wir arbeiten ja eigenständig. Die Lehrer sagen nicht immer, was wir alles machen sollen. Sie helfen, unterstützen und erklären schon, doch wir sind für unsere Lernerfolge noch immer selbst verantwortlich. Wer für sich nicht die Verantwortung übernimmt, wird sicher nicht den großen Erfolg haben. Ich weiß ja für mich selbst, was ich kann und was noch nicht so sicher sitzt. Dann habe ich das eben noch mal wiederholt. Bequemer ist es schon, das dann einfach zu lassen, denn in der Schule passiert ja nicht viel. Wir bekommen dann ja in einer Probe keine schlechte Note, doch im Quali schauts dann halt schlecht aus!

Wichtig ist auch noch die Einstellung, dass ich nicht für die LehrerIn lerne, sondern für mich selbst! Das wurde mir von meinen Eltern schon auch immer gesagt, aber ich habe auch darüber nachgedacht und fand schon was Wahres dran.

Was müssen Eltern wissen, wenn sie ihr Kind in eine Montessori-Schule geben?

Am wichtigsten ist das Vertrauen in sein eigenes Kind, dass es seinen Weg schon geht und seine Sachen macht. Auch das Vergleichen mit anderen Kinder, in der Lerngruppe oder gar aus der Regelschule darf nicht gemacht werden. Alle Kinder sind anders und jeder lernt verschieden schnell. Manche verstehen X-Gleichungen innerhalb kürzester Zeit und brauchen dafür für eine Stellungnahme in Deutsch wesentlich länger.

Eltern sollten ihre Kinder motivieren auch mal unbequeme Sachen zu machen. Aber nicht mit Belohnung, sonst lernen sie ja wieder nicht für sich selbst. Das geht eher mit Gesprächen, wofür lohnt es sich, wofür braucht man das dann doch irgendwann mal und auch Beispiele, dass Erwachsene auch Dinge erledigen müssen, die sie nicht gerne machen.

Bzgl. der Noten sollten sich Eltern mal unsere IzELs (Informationen zum Entwicklungs- und Lernprozess) anschauen. Denn hier ist wirklich aufgeschlüsselt, was ich kann und worin ich mich noch verbessern kann. Das ist nicht abwertend, wie eine schlechte Note, sondern zeigt mir auf, was noch besser werden kann. Diese, sowie die Rückmeldungen der Lehrer sagen mir mehr, als eine Ziffer.

Sein Kind an eine Montessori-Schule zu geben bedeutet nicht, die Verantwortung für das Lernen abzugeben und die Schule als normalen Konsum zu sehen, sondern es bedeutet, sich in eine Gemeinschaft einzubringen und sich zu engagieren. Ich finde es schön, dass meine Eltern sich so stark in die Schule einbringen. Es ist ein Teil unseres Lebens!

Was macht einen guten Lehrer an einer Montessori-Schule aus?

  • Er/sie sollte engagiert sein: den Kindern beim Lernen helfen wollen und auf die Kinder individuell eingehen, mit ihnen eigene Strategien erarbeiten und ihnen nicht alles vorgeben, oder aufzwingen.
  • Bei manchen Schülern ist es sicher sinnvoll, bestimmte Besonderheiten zwischen den Lehrern zu besprechen und weiter zu geben, so dass nicht jeder Lehrer es selbst wieder herausfinden muss.
  • Rückmeldung zu Arbeiten, die aufmunternd und motivierend ist, ist für unsere Motivation und Eigenverantwortung unerlässlich. Auch Konsequenz ist wichtig. Wenn Arbeiten eingefordert werden, müssen diese auch reflektiert werden.
  • Ein gutes Verhältnis zu den Schülern, nicht als autoritäre Persönlichkeit auftreten, sondern mit uns auf Augenhöhe kommunizieren. Gleichzeitig muss er seine Lehrerrolle einhalten.
  • Lehrer in einer Montessori-Schule müssen eine Montessori-Ausbildung haben, auch wenn wir in den höheren Klassen nicht mehr mit Material arbeiten. Die Lehrer sollen wissen, wie nach Montessori gearbeitet wird um das selbst auch leben zu können.
  • Und das allerwichtigste ist, er sollte Spaß an seinem Beruf und seiner Arbeit haben!

Wie stehst du dazu, den ganzen Tag in der Schule zu sein?

Das ist schön, denn wir haben viel Zeit mit den Freunden. In der Grundschule hat man ja noch viele Angebote und in der Sekundarstufe dann viel Zeit für gemeinsames Lernen und Freiarbeit. Und ich habe zu Hause keine Hausaufgaben mehr! Wir kommen heim und sind fertig. Vokabeln lernen oder das 1x1 üben, oder später Recherchearbeit ist nicht so schlimm und macht ja auch Spaß.

Den ganzen Tag in der Montessori-Schule ist auch anders als in einer Regelschule. Wir können ja unseren Tag weitgehend selbst einteilen. Und es ist schon eine coole Vorbereitung aufs Arbeitsleben, denn wir arbeiten ja auch schon jetzt den ganzen Tag. Für Eltern ist es entspannter, ihr Kind gut untergebracht zu wissen und müssen keine Betreuung organisieren.

Und was machst du jetzt mit dem Quali in der Tasche?

Ich nutze das Angebot unserer Schule und mache die M10. Drei meiner Klassenkameraden machen das auch. Und dann werde ich wahrscheinlich eine technische Ausbildung machen. Wenn ich mich weiterhin für Schule entscheide, dann auf jeden Fall für die MOS.

Wünschtest du dir irgendwann, einmal eine andere Schule zu erleben?

NEIN!

Danke, Paul für deine Antworten auf meine neugierigen Fragen und das schöne Gespräch!

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