6. June 2021

von Alexandra Lux

Alles Online oder was?

Seit gefühlt ewigen Zeiten findet alles online statt. Besprechungen, Fortbildungen, Unterricht. Sogar Treffen mit Freunden und Familie ist online besser als gar nicht. Meine ersten Webinare habe ich vor rund 10 Jahren abgehalten. Damals war die Zurückhaltung und Skepsis noch sehr groß.

Heute haben wir viel dazu gelernt. Manche sind ihre ersten Schritte in dieser Welt gegangen und mussten sich mit der Technik anfreunden und ihre Tücken überwinden. Wer schon vorher etwas affiner mit dieser Art der Kommunikation war tat sich leichter, gab sein Wissen und seine Erfahrungen gerne weiter und baute seine Kenntnisse noch weiter aus.

Wir haben auch gelernt, wo die Grenzen liegen.

Manche meiner KollegInnen fühlen sich in dieser Welt sehr wohl und überlegen dort ihren Schwerpunkt hinzulegen. So kam mir auch die Idee zu diesen geschriebenen Gedanken durch die Frage in die kollegiale Runde, wie die Meinungen dazu sind.



Mein Fazit

Damit fange ich hier mal an. Ich war begeisterte Teilnehmerin und begeisterte Referentin. Kenne es also von beiden Seiten. Ich machte auch sehr ermüdende Erfahrungen.

Online-Kongresse gibt es ja schon länger. Ich liebe sie – noch immer. Darüber habe ich schon meine Meinung verkündet. Workshops oder Unterricht online, das war noch nicht so wirklich verbreitet. Besprechungen ja. Das habe ich schon zu meiner Vorstandszeit im nlpaed e.V. mit meinen Vorstandskolleginnen so praktiziert.

In der Aktualität der Lage hatten wir wohl keine andere Wahl, wenn wir irgendwie etwas weitergeben wollten. Und ich finde, wir haben alle unser Bestes gegeben und das Beste daraus gemacht. – Wobei „das Beste“ natürlich immer sehr subjektiv definiert werden kann.

Es hat viel eröffnet – ich z.B. hätte eine Schülerin nicht als Mentorin bei ihrer großen Montessori-Arbeit begleiten können (auch ohne Virus), die Entfernung war zu groß. Es hat uns an unsere Grenzen gebracht und aus unserer Komfortzone befördert. Wer weiß, wie viele Fans die ganze Onlinewelt dazu gewonnen hat?

Es hat uns gezeigt, wo die Grenzen sind. Wann es einfach nicht mehr nur online geht. Was auf der Strecke bleibt, was digital einfach nicht erfüllt werden kann. Und doch bin ich erstaunt, was alles ging und geht!

Somit kann ich gar nicht sagen, ob es gut oder schlecht war/ist. Es hat einfach Vor- und Nachteile. Ich möchte die Erfahrungen nicht missen, will sie aber nicht als den einzigen Weg für alle Zukunft beibehalten. Ich starte den Versuch, meine Gedanken zu sortieren. Sie stellen mein subjektives Empfinden dar und sind sicherlich nicht vollzählig.

Ganz klare Vorteile

An erster Stelle stehen für mich – und das ist nicht nur meine persönliche Meinung – die wegfallenden Fahrten. Ein Aufwand, der nicht zu unterschätzen ist. Fahrtzeit, Parkplatzsuche, ggf. Übernachtungen, damit dann Kofferpacken, Buchungen, Kosten. Zu Hause bin ich in meinem Umfeld, habe mein Bett und alles, was ich brauche und mag.

Ich kann an Veranstaltungen von kürzerer Dauer, jedoch weiter Entfernung teilnehmen – was eben wieder mit den Fahrten zusammenhängt. Außerdem ist meine Wahrnehmung, dass Online-Veranstaltungen eine größere Reichweite erzielen. Eben durch genannte Vorteile. Für Eltern entfällt schon mal ein Babysitter.

Bei Videokonferenzen in Unternehmen, kann ganz schnell ein weiterer Kollege, an den Fragen zu richten sind, spontan mit dazugenommen werden. In dieser besonderen, herausfordernden Zeit konnten so doch viele weiterarbeiten und waren nicht komplett aus der Welt „geschossen“.

Eine große Möglichkeit bietet der Distanzunterricht über Videotools und andere Informationsplattformen und diverse Möglichkeiten, wenn die Pädagogen eine Technikaffinität und schon Vorerfahrungen mitbringen. Onlinesprechstunden mit Lehrern, die im 1:1-Kontakt stattfinden, bieten eine viel engere Unterstützung und eine höhere Individualisierung des Lernens und Lehrens. Im Idealfall fördert dieses Lernen die Eigenverantwortung und auch die Selbstorganisation.

Darüber gäbe es noch viel mehr zu schreiben. Dies wurde schon an anderen Orten erledigt. Nur einige Beispiele, die ich hier zur Auswahl stellen möchte: Jetzt.de, taz.de oder digitale-schule.blog und bei schule-neu-denken.de gefällt mir nicht nur dieser Artikel.

Menschen, die Gruppen eher meiden und sich in größeren Runden unwohl fühlen, profitieren von den Online-Angeboten und –Möglichkeiten sehr. Sie können sich in ihrer Umgebung und auch mit dem Ausschalten der Kamera selbst besser schützen und sich somit besser auf die Inhalte einlassen. So wie anderen die Begegnungen fehlen, so fühlen sie sich wie befreit. Leider wird diese Sichtweise oft nicht berücksichtigt (auch in schulischen Kontexten)

Die Herausforderungen

Bei allen Vorteilen muss man doch erst in diese Welt hineinwachsen. Es braucht eine größere Disziplin in der Gesprächsführung und den –Regeln als in einem persönlichen Meeting. Nach meinem Empfinden ist auch die Konzentration höher und daher stellt sich schneller Ermüdung ein. So gerne ich online-Referentin bin, als Teilnehmerin bin ich nur höchstens halb so begabt. Über eine länger Zeitspanne ist meine Ablenkbarkeit deutlich höher. Bin ich bei einer Präsenzveranstaltung, so bin ich dort und kann nicht „nebenher“ noch etwas anderes tun.

Technisch gibt es ebenfalls Voraussetzungen, die ein gutes Gelingen bedingen. Zunächst ist eine stabile Internetverbindung (von beiden Seiten), am besten direkt am LAN-Kabel zuträglich. Auch eine gewisse Techniksicherheit, zumindest –Neugierde ist entspannend. Als Referent sowieso, man sollte sich schon mit dem Tool auskennen und erprobt haben, welche Funktionen es bietet und man einsetzen kann.

Der Punkt, der für mich am meisten gegen Online spricht ist das Fehlen der wahren Begegnung, der direkte Kommunikation, die sehr wohl eine andere Qualität bringt. Eine lebendigere Diskussion ist auf jeden Fall nur im realen Raum möglich.

Als Erwachsene fehlen mir schon konkrete Sinneserfahrungen und die direkten Begegnungen, doch für Kinder und Jugendliche finde ich es noch dramatischer. Je jünger die Kinder, desto fataler. Online, zweidimensional auf einer Mattscheibe und distanziert fehlen mir persönlich wichtige Informationen, die ich im realen Raum erspüren kann. Dreidimensionale Begegnungen haben einfach eine wesentlich höhere Qualität. Über unsere Sinne nehmen wir so viel mehr Informationen auf, deren wir uns gar nicht bewusst sind, die wir doch in unsere Situationsbeurteilungen einbeziehen. So entsteht ein holistisches inneres, wie äußeres Bild.

Für Grundschüler macht es einen wesentlichen Unterschied, ob sie Arbeitsblätter zu Hause alleine bearbeiten, oder in der Klasse Lernerfahrungen machen und Übungseinheiten gemeinsam erleben. – Wie viel konnte ich meinen Schülern nur in Papierform – wenn sie es denn ausdrucken konnten – oder per Video, statt zum Anfassen und Erleben zur Verfügung stellen. Für viele Kinder ist es auch wichtig Materialien in die Hand nehmen zu können und im direkten Beziehungsbezug Inhalte zu erfahren. - Auch viele Erwachsene brauchen diesen direkten Kontakt im selben physischen Raum.

Unsere Online-Zeiten haben sich mit Sicherheit stark erhöht. Der Umgang mit der Vielfalt und der Informationsflut fordert mich aktuell noch stärker als früher.

Und es funktioniert „trotzdem“

Trotz aller Herausforderungen bin ich wirklich überrascht, wie gut alles klappt. Natürlich ist nicht alles perfekt und es gibt Potenzial nach oben. Doch vieles hätte ich so nicht für möglich gehalten. Angeführt wird häufig, dass ein Beziehungsaufbau online nicht wirklich funktioniert. Dem muss ich widersprechen. Es geht doch. Was natürlich auch daran liegen kann, dass jemand, dem es in Präsenz schon schwer fällt, sich online noch schwerer tut. Sogar mit Gruppen, die ich vorher noch nie live gesehen hatte, wurde ich sehr schnell „warm“. Das hat mich positiv überrascht. Auch Kleingruppenarbeit, sowie Einzelarbeit in Workshops oder Tages-TeamCoachings funktioniert – beherrscht man die Technik – wirklich gut und lockert das Ganze für die Teilnehmer auf. Macht es lebendig und ein Stück intim. Und doch ist es für mich kein Ersatz, höchstens eine Ergänzung.

Die Mischung macht’s

Ich hoffe, aus all den Erfahrungen lernen wir und finden für die Zukunft neue Wege, in denen beide Welten – online und offline – ihre Umsetzung finden. Wenn wir es schaffen, die Vorteile aus beiden Welten zu verbinden kann eine neue menschengerechte Möglichkeit des Lernens, des Austausches, des Arbeitens entstehen. Der weise „old man Coyote“ bei Gerald Ehegartners „Feuer ins Herz“ gibt uns den Tipp, dass eine echte Verbindung von analoger und digitaler Welt zunächst eine echte Lebendigkeit der analogen Welt braucht.

Bei aller Euphorie ist es gut, aufzupassen, nicht zwischen die Fronten zu geraten und unter die Räder der Technokratie. Fortschritt gab es schon immer und wird es immer geben. Unsere Aufgabe ist es, dabei nicht nur auf das Machbare, sondern auf das SINNvolle zu achten. Technik soll UNS dienen, nicht wir der Technik! Ich las vor kurzem irgendwo: „Wir haben heute so viele technische Hilfsmittel, die uns Zeit sparen sollen und doch haben wir so wenig Zeit wie nie!“ – das machte mich sehr nachdenklich.

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