3. Februar 2020

von Alexandra Lux

Die Verantwortung liegt im System, nicht im Kind

Ständig werden Kinder abgestempelt unter dem Deckmantel der Hilfe

Am 30. Januar 2020 war das Thema des Tages im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung „Defizite beim Lernen“. Es geht darum, dass manche Kinder einfach im Unterricht nicht mitkommen. Sie haben Lern- und Entwicklungsstörungen; ihnen werden Defizite zugeschrieben. Meine erste Frage ist schon gleich: WER hat die Verantwortung, dass der Lernstoff beim Schüler ankommt? Eine Schulpsychologin benennt es klar: „zwei Hauptrisikofaktoren für Legasthenie sind eine verzögerte Sprachentwicklung und ein verringertes Bewusstwein für Laute.“ Sie beschreibt auch, dass Eltern präventiv eingreifen können, wenn sie mit ihren Kindern sprechen, singen, reimen… Sprache leben. Das kann kein Fernseher und keine App! Nicht alle Kinder entwickeln sich im gleichen fördernden Umfeld und auch nicht im selben Tempo! Wie kann man dann davon ausgehen, dass sie plötzlich in der Schule im selben Tempo lernen werden. Sie haben ja schon nicht mal die selben Voraussetzungen! Und wer jetzt nicht mithalten kann, verschleppt seine „Defizite“, die dann – verglichen mit dem Durchschnitt – als Störung (LRS-Schwäche oder Legasthenie, bzw. Dyskalkulie) diagnostiziert wird!

Nun müssen Stützsysteme ran

Für solche Fälle gibt es dann außerschulische Hilfen (von Therapie überNachhilfe, bis zu Apps). Die Schule schafft es nicht, diesen Kindern die Lerninhalte typgerecht zu vermitteln und deshalb muss das außerhalb der Schule ausgeglichen werden? – Da stimmt doch etwas nicht! In der Schule gibt es einen Notenerlass oder Zeitzugaben. Ein scheinheiliges Hilfsangebot für das eigene Versäumnis! Engagierte Lehrer wollen den Kindern helfen, sind aber in der Zwickmühle der „Gerechtigkeit“? Andere bekommen nicht mehr Zeit oder Nachsicht? – Das hat nichts mit Gerechtigkeit zu tun, sondern mit Gleichmacherei!

Immer öfter und immer mehr?

Immer mehr Kinder haben solche Störungen? Man schaut genauer hin,denn im Leistungswahn muss fast jedes Kind eine gymnasiale Laufbahn einschlagen. Auffälligkeiten werden schneller wahrgenommen. Was, bitteschön, ist denn auffällig? Was ist normal? Wer setzt die Richtpunkte, nach welchem Ermessen?

Kinder und Eltern schämen sich, schreiben sich selbst die Fehler, das Ungenügen zu und schleppen es wie Ballast für zukünftige Lernerlebnisse mit! Sie leiden darunter, dass sie „anders“ sind. Der Mensch ist ein Herdentier, er möchte so sein, wie die anderen und doch will auch jeder individuell wahrgenommen werden.

Welche Hilfe macht Sinn?

Ein interdisziplinäres Forscherteam an der LMU um Gerd Schulte-Körne will eine App entwickeln, bei der Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche „tippen und begreifen“ sollen. – Ups… Weder als LernCoach noch weniger als Montessori-Pädagogin kann ich mir vorstellen wie das Be-GREIFEN an einem Wisch-Teil funktionieren soll! Jaaa... man springt auf den Markt der Lern-Apps auf! „Ein erster wichtiger Schritt bei Lernproblemen ist die Diagnose. Dazu brauche man in Bayern endlich die „Bekenntnis, dass wir Kinder mit Lernstörungen haben“, sagt Schulte-Körne. Man könne beispielsweise gut und sicher Dyskalkulie (Rechenstörung) ab der zweiten Klasse diagnostizieren und entsprechend gegensteuern. Erste Zeichen seien gar schon im Kita-Alter zu sehen, etwas wenn das Kind Schwierigkeiten beim Zählen hat oder Mengen von Gegenständen nicht erkennt. Grund kann dann eine neurobiologische Störung sein, die nicht einfach ignoriert werden sollte. Laut Schulte-Körne haben mindestens zehn, wohl aber bis zu 15 Prozent der Grundschulkinder in Deutschland eine Beeinträchtigung beim Lesen, Rechtschreiben oder Rechnen.“ usw. usw. – Mir wird schlecht!

M.E. wäre eine echte Hilfe mit den Kindern zu sprechen und zu spielen, spielerisch zu lernen und ihnen Zeit zu geben – schon im Kita-Alter! Der zweite Schritt ist dann, unser unmenschlich-gleichmachendes System gründlich zu diagnostizieren, statt mit der Defizitbrille auf die Kinder zu schauen und ihnen die Unfähigkeit in die Schuhe zu schieben.

Unser System ist so überheblich, dass es überhaupt nicht auf sich selbst schaut und was es alles zerstört. Mir ist es sehr wohl wichtig, dass Kinder gefordert werden. Mir ist es auch wichtig, dass sie in den Schulen etwas lernen können, dass sie Rückmeldung bekommen und sie gefördert werden. Doch der Ton macht die Musik und die Methode den Erfolg. Ich frage mich, warum man immer wartet, bis das Kind „in den Brunnen gefallen ist“ und nicht von Beginn an individualisiert heran geht.

Kinder nehmen, wie sie sind, ihnen dort begegnen, wo sie sich befindenund mit ihnen ihren Weg gehen und sie auf neue Dinge aufmerksam und neugierig machen. Das alles geht wunderbar, wenn man Beziehung aufbaut und Persönlichkeiten achtet. Förderung bedeutet für mich, Kindern Unterstützung zu geben, die sie benötigen, auch ohne „Etiketten“.

Das alles ist möglich!

Es gibt viele verantwortliche und engagierte Menschen, die das in ihrem Bereich und in ihren Institutionen umsetzen. Ich wünsche mir eine Zukunft, in der jeder sein darf, wie er ist, mit all seinen Stärken und Schwächen. In der die Stärken gewürdigt und eingesetzt werden und die Schwächen akzeptiert werden. So kann jeder seinen Platz finden und seine Stärken für die Gesellschaft einsetzen.

Mein Leserbrief dazu wurde tatsächlich gedruckt! HIER auch zum Download.

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