8. März 2020

von Alexandra Lux

Was Kinder wirklich brauchen

Freiheit falsch verstanden

Seit langem wird gefordert, dass Kinder mehr Freiheit brauchen, sich zu entwickeln. Meterweise Ratgeber, was Kindern alles schaden kann. Verunsicherte Eltern überall. Anforderungen von Kindertageseinrichtungen, Arbeitgebern, der Familie, der Politik und Gesellschaft. Kinder sollen alles dürfen können, um ihres zu finden, sie sollen mit viel „Bildung“ und vielfältigen Möglichkeiten in Kontakt kommen, um möglichst früh gute Startchancen zu bekommen. Eltern sollen gleichzeitig das Bruttosozialprodukt befeuern und anpassungs- und leistungsfähige Arbeitnehmer sein. Eltern, die ausfallen, weil ihr Kind krank ist, die KiTa geschlossen, oder es nicht rundum betreut ist, werden „schief“ angeschaut.

Und seit neuestem wird auch noch „bedürfnisorientierte Erziehung“ erwartet. Dass Eltern da nicht mehr wissen, was sie eigentlich machen sollen, und was besser nicht, wundert mich nicht. Sie trauen sich nicht mehr, ihrer Intuition zu vertrauen, weil so viele Einflüsse und Erwartungen von außen auf sie zukommen. Dadurch verlieren alle ihren Halt, die Struktur; nichts ist mehr berechenbar und doch ist alles starr.

Was sind Bedürfnisse

Mir ist wichtig, dass alle ihre Bedürfnisse erfüllt bekommen. Doch die der Kinder sehen für mich an erster Stelle. Kinder zu haben bedeutet für Erwachsene zuerst auf einiges zu verzichten. Das Leben verändert sich, es kann nicht mehr so sein, wie ohne Kind(er). Andererseits bedeutet das nicht, sich in allen Punkten aufzugeben und das Leben nur nach den Kindern auszurichten. Maria Montessori sagt: „Freiheit und Disziplin sind die zwei Seiten einer Medaille.“ Die Kunst ist, dies herauszufinden und die Balance für die eigene Familie zu finden.

Bedürfnisse klar zu erkennen ist nicht so ganz einfach! Nicht alles, was ich haben will, wovon ich mir verspreche, dass es mir dann besser geht, ist auch ein Bedürfnis. Fragt man das Internet, gibt es schnell die Bedürfnispyramide von Maslow. Nehmen wir dies als Vorlage.

  1. physiologische Bedürfnisse

Darunter zählen Nahrung, Schlaf und Fortpflanzung, eben alles, was dem Leben dienlich ist. Essens- und Schlafgewohnheiten sind bei Kindern sehr individuell und müssen sich dem äußeren Rhythmus erst langsam und achtsam angleichen.

  1. Sicherheitsbedürfnisse

Kinder, die sich sicher fühlen – körperlich, wie seelisch – sich in der Familie willkommen und gesehen fühlen entwickeln sich gesund und können sich auch in eine Gemeinschaft einfühlen.

  1. Soziale Bedürfnisse

Ein Zugehörigkeitsgefühl in der Familie, in eine Gruppe, eine Gemeinschaft fördert Empathiefähigkeit und Mitgefühl. Das bedeutet aber nicht, so früh wie möglich in eine Institution geschickt zu werden. Eine sichere Bindung ist die Voraussetzung für die Fähigkeit, sich auf eine neue soziale Gemeinschaft einlassen zu können.

  1. Individualbedürfnisse

Sind die vorherigen Bedürfnisse erfüllt, können die weiteren Bedürfnisse in den Vordergrund rücken und entwickelt werden. So baut sich Vertrauen (in die Umgebung, die Menschen, das Leben) auf. Selbstbestätigung der eigenen Handlungen führen zu Erfolg und Unabhängigkeit.

  1. Selbstverwirklichung

Jetzt können sich Talente entwickeln, wie Maria Montessori sagt, der innere Bauplan entfalten. Die Persönlichkeit kann sich zeigen und mit den eigenen Fähigkeiten wird das Leben gestaltet und bekommt Sinn.

Alles richtig machen

Diese Punkte sind vielen Menschen nicht wirklich bewusst und Eltern richten ihre Erziehung der Kinder nicht an der Theorie der Bedürfnisse aus. Doch wollen sie alles „richtig“ machen und ihre Kinder nicht einschränken, oder ihnen gar „psychische Traumata“ zufügen. Und genau hier liegt die Herausforderung. Oft wird allem nachgegeben, alles unkritisch erfüllt.

Eltern wollen nicht „böse“, einschränkend oder strafend sein, da sie befürchten, die Liebe ihrer Kinder zu verlieren. Doch genau mit dieser Haltung lassen sie ihre Kinder alleine und ohne Orientierung. Kinder sollen die Welt entdecken können, doch dazu gehören auch Hindernisse und Herausforderungen. Denn erst dadurch können wir persönlich wachsen und Lösungsstrategien entwickeln. In der Reaktion der Umwelt erlebe ich mich selbst. Wie wirke ich und was erwirke ich. Gerade die sogenannte Selbstwirksamkeit wird als wichtiger Faktor der Resilienz gesehen. Ich erlebe, dass ich etwas bewirken kann, das geht nur, wenn es auch etwas gibt, das ich bewirken kann und nicht, wenn alles einfach so möglich ist! Resilienz bedeutet die Fähigkeit, das Leben auch in schwierigen Situationen (und die werden kommen!) bestreiten und bestehen kann.

Und was ist nun richtig?

Es gibt kein Patentrezept! Jedes Kind, jede Familie ist anders. Das kann man nur individuell herausfinden. Sicher nicht richtig sind zu viel Freiheit, denn die lässt uns verloren, einsam fühlen. Sicher auch nicht richtig sind zu viele Einschränkungen und Regeln, denn die lassen uns ersticken. Somit liegt die Wahrheit mal wieder dazwischen und sie ist weder schwarz noch weiß sondern bunt wie der Regenbogen. Das macht es doch spannend. Kinder zeigen uns die Farben. Wir müssen nur genau hinsehen. Einfühlsam und achtsam das junge Leben begleiten. Neugierig den sich entfaltenden Bauplan betrachten. Mit unserer Aufmerksamkeit dabei sein und mit unserem Wissen Angebote dazu machen. Angebote können übrigens ausgeschlagen werden!

Nicht richtig ist, sich selbst als Erwachsenen total aufzugeben. Sicher auch nicht richtig ist, sich als Erwachsenen in den Vordergrund stellen und zu denken, es läuft alles wie gewohnt weiter. Ein Kind ist kein neues Auto, das ich vorführen kann. Es ist eine Lebensbereicherung, die zur persönlichen Entwicklung beiträgt!

Mit Achtsamkeit gelebte Struktur, Vorbildverhalten mit dem, was ich von meinem Kind erwarte, Neugierde auf das Leben, Vertrauen in die Zukunft, Humor in der Gegenwart und Erfahrungen aus der Vergangenheit, Wertschätzung für meine Mitmenschen und die Umwelt, Einsatz für meine Werte und konstruktive Aktivität scheinen mir eine gesunde Mischung für die Erziehung von Kindern.

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